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Mittwoch, den 07. September 2011 um 07:40 Uhr

Lebensentwürfe und Zukunftsperspektiven von Schülerinnen
in Burkina Faso


Frauen und Mädchen werden heutzutage immer häufiger in Entwicklungsprogramme mit einbezogen. Sie werden verstärkt berücksichtigt bei der Förderung von Bildung, der Vergabe von Mikrokrediten und einer verbesserten Gesundheitsversorgung. Ziel der Förderung ist ein gleichberechtigtes Verhältnis der Geschlechter und den Beitrag, den Frauen zur Entwicklung leisten können, in Zukunft stärker zu berücksichtigen.

Die in der Studie befragten Schülerinnen nehmen auf dem Weg zu einem gleichberechtigten Verhältnis der Geschlechter in der burkinischen Gesellschaft eine wichtige Rolle ein. Sie sind schon jetzt Vorbilder für zukünftige Generationen von Mädchen im Hinblick auf ihren Bildungsgrad und ihr Engagement, sich gegen aus ihrer Sicht negative traditionelle Rollenmuster zu widersetzten. Ihre Zukunft wird zeigen, ob sie auch hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Ihre Wünsche lassen dies vermuten. Die realen Perspektiven hingegen zeigen, dass sie noch einen schweren Weg vor sich haben, bevor sie ihre Ziele erreichen können. Die Studie basiert auf einer empirischen Fragebogenerhebung und drei mündlichen Interviews. Befragt wurden Schülerinnen der „première“ und „terminale“ (entspricht der zwölften und dreizehnten Klassenstufe) in Burkina Faso. Die quantitativen Ergebnisse wurden anhand des statistischen Datenauswertungsprogramms SPSS dargestellt. Die Grounded Theory diente als theoretische und praktische Grundlage für die Auswertung der qualitativen Daten.


Erhoben wurden einerseits die realen Zukunftsaussichten der Schülerinnen und andererseit ihre Wünsche und Träume, die sie in Bezug auf ihr eigenes Leben aber auch in Bezug auf die Gesellschaft haben. Im letzten Abschnitt wurden Theorien und Modelle mit den Ergebnissen verglichen, die zu einer verbesserten Lage der Schülerinnen und der burkinischen Mädchen generell beitragen könnten. Die wichtigsten Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen. Die wichtigsten Ergebnisse
Eines der hervorstechendsten Merkmale der Forschungsarbeit ist, dass die Schülerinnen alle
studieren wollen. Mit einem akademischen Abschluss streben sie den höchsten Bildungsgrad
an. Ihre Motivationen, sich für einen Studiengang zu entscheiden, sind vielfältig und konnten
vor allem aus den mündlichen Interviews hergeleitet werden. Eine Rolle spielt beispielsweise
das mit einem bestimmten Beruf zu erreichende Prestige, ihr persönliches Interesse an einem
Studium oder die Motivation zu helfen.
Schwierigkeiten und Hindernisse, auf die sie bisher in vielen Fällen schon stießen, wollen sie
auch in Zukunft mutig angehen. Dazu gehört, dass die Schülerinnen trotz finanzieller
Unsicherheit und dem Druck, möglichst bald zu heiraten und Kindern zu bekommen, erst
einmal auf der Universität ihren Abschluss erlangen wollen. Dadurch erhöht sich jedoch auch
der Druck, beruflich erfolgreich zu sein. Viele Eltern fragen sich, welchen Nutzen sie aus
der teuren Bildung der Töchter ziehen können, wenn diese später unverheiratet bleiben und
arbeitslos sind.
Den Befürchtungen der Eltern kann der Wunsch, eine Familie zu gründen entgegen gesetzt
werden. Die Schülerinnen wollen fast alle heiraten, Kinder bekommen und einen eigenen
„foyer“ (Haushalt) gründen. Mit einer Heirat erlangen sie einen höheren sozialen Status, der
mit einer Lohnarbeit noch einmal gesteigert werden kann. Ihre Vorstellungen einer Familie
sind die einer Kleinfamilie nach westlichem Modell, mit im Schnitt drei Kindern. Einige
Schülerinnen sind bereit, ihren Teil am Haushaltsbudget beizutragen, andere sehen den Mann
als Alleinernährer der Familie. Letztere wollen ihr verdientes Geld lieber für ihre eigenen
Bedürfnisse zur Verfügung haben oder ihre Eltern und Verwandten unterstützen anstatt den
Mann als Hauptverdiener der Familie zu entlasten.
Mitspracherechte bei Familienangelegenheiten und eine gewisse ökonomische
Selbstständigkeit sind dem Großteil der Schülerinnen wichtig.
Ein Großteil der befragten Schülerinnen hat Angst, arbeitslos zu werden und ihre
Unabhängigkeit nicht sichern zu können. Die Schülerinnen planen, neben der Familie einem
Beruf nachzugehen. Viele wollen ihre Eltern und Verwandten unterstützen und
widersprechen damit dem Vorurteil, dass Mädchenbildung nicht sinnvoll sei, da das Mädchen
in die Familie des Mannes wechsle und nicht mehr der Herkunftsfamilie zur Verfügung stehe.
Die Unterstützung ihrer Herkunftsfamilie spielt für sie ganz klar eine wichtige Rolle.
Ihre Lebensentwürfe spiegeln damit zum Teil das traditionelle Rollenbild einer burkinischen
Frau wider, zum Teil nehmen die Mädchen aber auch eine neue Rolle ein, die als
Vorreiterrolle bezeichnet werden kann. Der Trend, dass immer mehr Mädchen eine Schule
besuchen und eine höhere Ausbildung absolvieren, ist nicht nur in Europa, sondern auch in
Afrika immer klarer erkennbar. Frauen streben nach Gleichberechtigung. Sie bestehen auf
ihre Rechte als Frau und ergreifen Berufe, die noch vor einiger Zeit reine Männerdomänen
waren. Dieser Einfluss ist auch bei den befragten Schülerinnen erkennbar, die sich in ihrer
Gesellschaft mehr Partizipation für Frauen und die Anerkennung ihrer Rechte wünschen.
Weiterhin würden sie auf gesellschaftlicher Ebene die Schulbildung fördern und die
Entwicklung von Burkina Faso voranbringen, wenn sie die Macht dazu hätten.
Die Lebensentwürfe der Schülerinnen, die sich auf ihre Wünsche und Hoffnungen stützen,
lassen jedoch die realen Zukunftsaussichten außer acht. Ein Abbild, welche möglichen
Schwierigkeiten in Zukunft noch auf die Schülerinnen zukommen können, zeigen die
Ergebnisse hinsichtlich der Zukunftsängste. Die meisten Befragten gaben an, Angst vor
Arbeitslosigkeit zu haben, vor Armut und Mittellosigkeit oder davor, nicht auf die Universität
wechseln zu können aufgrund finanzieller Nöte oder der Weigerung der Eltern. Die
Befürchtung, keine eigene Familie gründen zu können oder die eigenen Eltern später nicht
angemessen unterstützen zu können ist bei den Schülerinnen ebenso ein wichtiger Aspekt.
Immer wieder tauchten im Laufe der Auswertung Sorgen um den eigenen Status auf.
Gesellschaftliche Akzeptanz und Anerkennung ist den Schülerinnen wichtig und
beeinflusst sie in ihren Plänen und Entscheidungen hinsichtlich ihrer Zukunft. Um diese zu
erlangen, müssen die Schülerinnen Werte und Normen der burkinischen Gesellschaft
beachten.
Der Vergleich mit der Theorie der Geschlechtertrennung (Roth, 1994) ergab, dass die
Schülerinnen ihre Zukunft in einem gleichberechtigten Geschlechterverhältnis sehen, in der
sie selbstständig und eigenverantwortlich handeln können. Die Ergebnisse bilden aber auch
die unterschiedlichen Meinungen der Schülerinnen in einigen Alltagsbereichen ab.
Beispielsweise konnte hinsichtlich der finanziellen Entlastung des Mannes im Haushalt eine
Diskrepanz bei den Schülerinnen festgestellt werden, die zwar auf Mitspracherechte bestehen,
aber nicht immer dazu bereit sind, ihren ökonomischen Beitrag am Familienetat zu leisten.
Der Gender-Aspekt (Anm.: „gender“ ist das sozial konstruierte Geschlecht) wurde noch
einmal aufgegriffen in der Diskussion zu Gender-Trainings, Emanzipation und dem
gesellschaftlichen Beitrag von Frauen. Gender-Trainings bieten eine Möglichkeit, die
Bildung für Mädchen weiter zu fördern und festgefahrene Rollenmuster zu reflektieren.
Sie wurden vorgestellt, um einen Weg aufzuzeigen, wie die Schülerinnen auf ihrem
Lebensweg unterstützt werden könnten. Wesentlich ist, alle gesellschaftlichen Ebenen mit
einzubeziehen. Bildungsmaßnahmen, die Stärkung von Frauenrechten und die
Gleichberechtigung von Frauen im Wirtschaftssektor sind mögliche Methoden.
In der Diskussion zur Emanzipation konnte anhand der erhobenen Daten festgemacht werden,
dass die Schülerinnen vor allem gleiche Rechte für Frauen und Männer, die Beteiligung
der Frau in der Gesellschaft und ihre Freiheit, selbst entscheiden zu können als Merkmale der
Emanzipation der Frau festmachen.
Hinzugezogene empirische Daten belegen, dass Frauen einen wichtigen Beitrag zur
Entwicklung eines Landes auf ökonomischer und sozialer Ebene leisten. Sie übernehmen
den größten Teil der im Haushalt anfallenden Arbeiten, sichern die Ernährung und die
Kindererziehung und erweisen sich als durchhaltefähiger als Männer. Um ihre
Benachteiligung in der Gesellschaft auszugleichen, sollten sie jedoch noch mehr
Unterstützung erhalten.
Die Studie hat einen tiefen Einblick in das Leben der burkinischen Schülerinnen ermöglicht.
Sie hat aufgezeigt, unter welchen Bedingungen die Befragten leben und wie die Zukunft
aussehen könnte. Ein wichtiger Aspekt der Studie ist die Herkunft der Schülerinnen, die
tendenziell aus einer gebildeten, höheren Schicht stammen. Ihre Herkunft beeinflusst das
Leben der Befragten und ermöglicht ihnen erst, ein solches Bildungsniveau zu erreichen. Das
bedeutet jedoch auch für zukünftige Generationen, dass sich weiterhin nur Mädchen aus
bessergestellten Familien eine hohe Bildung leisten können, wenn nicht auf
bildungspolitischer Ebene ein Umdenken einsetzt und Frauenbildung noch stärker gefördert
wird.
Der „burkinische Weg zum Fortschritt“
Der „burkinische Weg zum Fortschritt“ beschreibt die besondere Rolle der Schülerinnen, die
sich in den Forschungsergebnissen widerspiegelt.
Dass das Ziel der befragten Schülerinnen nicht nur persönlicher Erfolg, sondern auch
Fortschritt für ihr Land ist, zeigten die Ergebnisse auf die Frage, was sie in der Gesellschaft
ändern würden, wenn sie es könnten. Die Entwicklung der Wirtschaft voran zu bringen und
die Politik zu ändern, war eine häufig genannte Antwortkategorie. Die Rechte von Frauen zu
stärken, Bildungsförderung, Verbesserung des Gesundheitssystems und Straßenkindern zu
helfen sind weitere Beispiele.
Die Methode, ihre Lebensziele zu erreichen, kann als ihr persönlicher „Weg zum Fortschritt“
betrachtet werden. Charakteristisch für diesen Weg ist die Verbindung von traditionellen
Werten und modernen Rollenmustern. Eines der obersten Werte ist die Fertilität der
Frauen, ihre Fruchtbarkeit. Damit verbunden ist bei den Schülerinnen nicht nur das
Kinderkriegen an sich, sondern generell die Rolle als Mutter. Unter die modernen
Rollenmuster fallen die Ziele der Mädchen, mehr Mitspracherechte zu erlangen und
unabhängig zu werden, d.h. neben der Familie einer geregelten Lohnarbeit nachzugehen. Als
Nebeneffekt dieses „burkinischen Weg zum Fortschritt“ und gleichzeitig als weiteres Ziel der
Befragten ist das soziale Ansehen heraus zu stellen. Allenbach von Moos (1997) stellte in
ihren Untersuchungen von burkinischen Frauen fest, „dass die Rolle der Mutter,
geschäftstüchtigen Unternehmerin und Familienernährerin das Prestige einer Frau positiv
beeinflusst“ (ebd., S.253).
Folglich kann angenommen werden, dass der eingeschlagene Weg der Schülerinnen und ihr
Wunsch nach einer Verbindung von traditionellen Werten und modernen Rollenmustern der
richtige ist und sie ihren Zielen näher bringen wird.
Um die Situation der Schülerinnen auf gesellschaftlicher Ebene weiter zu verbessern und sie
damit auf ihrem Lebensweg zu unterstützen, sollte die Wirtschaft und Politik noch mehr
Anstrengungen unternehmen, um die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern. Eine
Aufklärung auf breiter Ebene der Gesellschaft kann helfen, Werte und Normen, die sich
nachteilig auf die Situation von Mädchen und Frauen auswirken, zu ändern. Pädagogische
Maßnahmen, wie sie im Zuge des Gender-Trainings eingesetzt werden, könnten schon bei
Kindern, den zukünftigen Erwachsenen und Entscheidungsträgern der Gesellschaft, einen
Wertewandel hervorrufen.